Von der Kunst, mit Jugendlichen Liturgie zu feiern.

Mit großer Aufmerksamkeit zeichnet der kleine Schüler seinem Sowi-Lehrer ein Kreuz aus Asche auf die Stirn. Gegenüber tut eine Mitschülerin ihm gleich und zeichnet einem Mitschüler ein Aschekreuz. Die Asche haftet schwer am Finger, sie nimmt etwas mehr zwischen Daumen und Zeigefinger. Behutsam zeichnet sie Längs- und Querstrich, etwas Asche rieselt auf die Nase und auf den Pullover. Dazu der Ausspruch: Du bist frei. Mehrfach wird diese Zusage im Raum gesagt. Lehrer und Schüler gleichermaßen. Überall dort, wo die sieben Edelstahlschalen weitergegeben werden. Immer wieder, leise flüsternd: Du bist frei. Bewegung und Leben kommt in die Reihen des Ovals, als die Schülerinnen und Schüler in den einzelnen Stufengottesdiensten das Aschekreuz empfangen und weitergeben. Leise Klaviermusik begleitet die einzelnen Rituale, bis das letzte „Du bist frei“ gesagt wird und die Ascheschalen auf die Podeste im Zentrum des Raumes zurückgestellt werden.

Zuvor haben die Schülerinnen und Schüler die Taufe Jesu aus dem Markusevangelium gehört. In der Predigt wird ein Zusammenhang von Aschekreuz und Zugehörigkeit zu Gott aufgezeigt: In der antiken Sklavenhaltergesellschaft wurden oftmals dem Sklaven ein Brandsiegel auf die Stirn gebrannt. Damit sofort erkennbar war, zu welchem Sklavenherrn er gehörte. Das Brandmal blieb ein Leben lang. Es bedeutete also ein Leben lang Gefangenschaft. Die frühen Christen – so eine Überlieferung – haben die Art und Weise übernommen, denn Sinn aber konsequent umgedreht: Das Zeichen des Kreuzes auf der Stirn zeigt ebenfalls eine lebenslängliche Zugehörigkeit: Du gehörst Gott. Und weil das so ist, bist du nicht länger gefangen, sondern du bist frei. Entscheide dich für die Freiheit und entwickle dich in ein freies, in seiner Freiheit stets bedrohtes Leben. Du entscheidest. Du kannst umkehren, dich hinwenden, dich orientieren. Die unbedingte Zusage Gottes ist da. In der Taufe, beim Abendgebet von Eltern mit ihren kleinen Kindern, in der Firmung, beim Aschekreuz.

Sieben weiße Stelen, darauf Ascheschalen und Kerzen. Eine achte Stele trägt das Evangeliar. Im Oval angeordnet und dezent beleuchtet kon-zentrieren sie den Raum und die Gedanken der Schüler und Lehrer. Das Wort Gottes und die Asche stehen im Mittelpunkt, eingekreist vom Zuspruch „Du bist frei“, der durch die Reihen kursiert. Fast puristisch anmutend wird hier signalisiert: Der Spaß des Karnevals ist vorbei. Jetzt beginnt das Eigentliche, das Wesentliche, das Leben. Mit der Freiheit zur Umkehr, mit der Entscheidung für Freiheit. Mit dem Auftrag diese Freiheit um Gottes Willen zu verteidigen.

Lebendiger und ewiger Gott, du willst nicht den Tod und die Vergänglichkeit von uns Menschen. Du willst, dass jeder Mensch in Freiheit lebt. Wir bitten dich: Segne die Menschen, die Schülerinnen und Schüler durch diese Asche, mir der wir uns bezeichnen lassen. Denn wir wissen, das wir Staub sind und zum Staub zurückkehren. Gib uns deine Kraft, damit wir die vor uns liegende Zeit gut begehen können. Nimm unsrere Schuld von uns und schenke uns deinen Leben spendenden Geist, damit wir in dir frei werden und in deiner Freiheit leben.

Die Schulgemeinde als „Circumstantes“

Mit dem Beschluss der Liturgiekonstitution auf dem Zweiten Vatikanum hat die liturgische Forschung und Praxis in jüngerer Zeit deutliche Akzente setzten können. Eine markante Entwicklung hat dabei das Nachenken über die Dimension des Gottesdienstraumes gemacht. Das heilige Volk Gottes wird als „Umstehende, Circumstantes“ gesehen, das aktiv, tätig und fruchbringend teilnehmend Subjekt der Liturgie ist. Daraus resultiert die Form der Ellipse als Sitzanordnung, als klares Element der Raumgestaltung. Die Brennpunkte einer solchen Ellipse sind in Kirchenräumen oftmals Altar und Ambo. Die Theologie der Liturgie spricht von „Communio-Räumen“, in denen die Gemeinde sich als feiernde Gemeinschaft versteht und der Gottesdienst gemeinsamer Dienst der Gläubigen vor Gott und Gottes Dienst an der Gemeinde ist. Auch für Wortgotttesdienste kann die Ellipse eine angemessene Alternative zur herkömmlichen Form der frontalen Bestuhlung darstellen. Die Erfahrung aus dem oben beschriebenene Aschermittwochs-Gottesdienst zeigt, dass selbst große oder unruhige Schülerstufen tätig Teilnehmende im Sinne der Liturgiekonstitution sein können. Die Mitfeiernden, Lehrer wie Schüler, waren eingebunden im Segensgebet über die Asche und im Austeilen des Aschekreuzres, konzentriert durch die Stelen in der Mitte, die wiederum innen drin eine Leerstelle ließen für die Gegenwart Gottes. Aktion und Kontemplation, Wort und Schweigen, Gebet und Ritual hatten somit ihren klaren Stellenwert. Die Ascheschalen in der Mitte stellten immer wieder den Bezugspunkt zum Feieranlass her. Die daraus resultierende Erkenntnis und Empfehlung ist daher, mit eher nüchternen Räumen (wie die Aula der Schule in diesem Fall, die für Theater und Zeugnisvergabe genutzt wird) zu experimentieren, Sitzordnungen auszupobieren.

Dabei hat die liturgische Forderung nach dem „Glanz edler Einfachheit“ höchste Priorität. Kritiker mögen bemängeln, die Stelen im vorgenannten Gottesdienst und damit der gesamte Gottesdienst seien zu sehr inszeniert bzw. lichtdramaturgisch in Szene gesetzt. Jedoch ist zum einen zu bemerken, dass die Schnittfläche zwischen der Forderung nach edler Einfachheit und den Ansprüchen einer ästhetisch gewendeten Glaubenskommunikation mit Jugendlichen vermehrt Beachtung geschenkt werden muss – mit einem großen Gesprür für die Stimmigkeit von Symbol und Ritual, von Transzendenzerfahrung durch angemessene Inszenierung. Junge Erwachsenen finden schnell heraus, ob Liturgie durch Überstrapazierung der Inszenierung anbiedernd wirkt oder auf behutsame und elementare Weise religiöse Erfahrung ermöglicht.

Weiterführende Links: Konstitution des Zweiten Vatikanums über die Heilige Liturige (mehr>>)

Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung gottesdienstlicher Räume (mehr>>)

Liturgische Praxis: Auflegung der Asche – Aschekreuz (mehr>>)