Ein positives Bild von „Kirche“ vermitteln – einen Zugang zu Grundelementen christlicher Sprititualität und Liturgie ermöglichen: Im Pfadfinderlager ist dieses Vorhaben eine große Herausforderung. Und diese Herausforderung ist vor Überraschungen nicht geschützt. Schließlich findet alles „open air“ statt. Und man hat mit Kindern, Jugendlichen und jungen (und älteren) Erwachsenen im Alter von 8-68 Jahren zu tun.

IHR SEID DAS SALZ DER ERDE – IHR SEID DAS LICHT DER WELT (Mt. 5) waren die Leitworte der liturgischen Feiern innerhalb des Stammeslagers 2007 im Frylands Wood, im Süden von London, England. Sie standen im Mittelpunkt von zwei Wort-Gottes-Feiern, flankiert von „Opening Ceremony“ und der „Closing Ceremony“. Ausgehend von diesen beiden Leitworten soll nachfolgend auf narrative Weise beschrieben werden, wie eine liturgische Topologie im Pfadfinder-Stammeslager aussehen kann.

Opening Ceremony:

Mit dem Hissen der Lagerbanner (DPSG-Banner, Jubiläumsbanner, Weltbundbanner, Banner der BRD und Europa-) und einigen Zitaten zum Zeltlager von Sir Robert Baden-Powell wurde das Lager am ersten Abend eröffnet. Das Entzünden der Kerze des Ewigen Lagerlichtes am ersten Lagerfeuer war ein weiteres Element dieses kleinen Festaktes. In dieser Nacht hing die Laterne noch am Bannermast. Am nächsten Tag fand das Licht seinen Platz in der Nähe des Heiligen Hains, einer kleinen Ruhezone etwas abseits, aber im Blickfeld aller Stufen-Aereas. Dort brannte das Licht die gesamte Lagerzeit vor sich hin. Fast die gesamte Lagerzeit. Heftiger Sturm und Regen machten der Flamme schwer zu schaffen. Jedoch kümmerten sich neben dem Kuraten einige Rover (vor allem Thessa und Magnus) um die Laterne und hatten das Licht regelmäßig im Blick.

Die Gottesdienste:

Inmitten der Natur zu leben bedingt auf jeden Fall eine Form der Kultivierung. Man sucht mit Bedacht einen sinnvollen und schönen Platz für ein Zelt oder eine ganze Zeltstadt aus. Man verortet sich, sucht Sicherheit, Schönheit, Schutz. „Ein Haus zu bauen liegt in der Natur des Menschen“ heißt es in der Fernsehwerbung. Natur wird hier im Kleinen wie im Großen kultiviert. Man macht sich den Platz zu Nutze und versucht dennoch im Einklang mit der Umgebung zu leben.

Das gleiche gilt für die Verortung in spiritueller Hinsicht. Gottesdienst kann man immer feiern, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Eine Kerze, ein Sitzkreis, ein schlichtes Kreuz – fertig ist der kultivierte Gottesdienstraum. Mitten in der Natur. Nachfolgend werden die „Heiligen Orte“ skizziert, an denen im Lager Gottesdienst gefeiert wurde. Auch wenn die Orte verschieden waren: Sie waren verbunden durch das Leitwort und durch ein zentrales Element: Dem Erdkreuz.

SALZ DER ERDE

In der Anhöhe zum Heiligen Hain, unweit des Ewigen Lagerlichtes und mit Blick auf den gesamten Platz wurde in Anlehnung an den Entwurf des Künstlers Hansjörg Voth die Bodenskultpur „Erdkreuz“ installiert. In Form eines griechischen Kreuzes wurden zwei Gräben in die Erde gegraben. Grasnarbe und Aushub wurden beiseite gelegt, um das kreuzförmige Loch am Ende wieder zu verfüllen. Zwei Birkenholzstämme, etwa dick wie ein Unterarm, wurden mit weißem Leinentuch stramm umwickelt und frei schwebend in die Schächte gehängt. Als Aufhängung diente Zeltmaterial: Abspannseil und dicke Erdnägel.

Etwa 30cm über dem Erdkreuz wurde flach eine quadratische schwarze Jurten-Plane gespannt. Darin wurde fünf Kilogramm grobes Meersalz aufgeschüttet. Der Jurtenstoff und das darunter befindliche Erdkreuz bildeten den Versammlungspunkt, um den sich die 150 Pfadfinder in as Gras setzten um gemeinsam Wortgottesdienst zu feiern. Flankiert von den Liedstophen des 2002er Weltjugendtagliedes „Light of the world, Salt of the eath“ (Toronto) bauten die Pfadfinder aus sich selbst Salzkristalle. Das Salz in der Jurtenstoff-Installation wurde am Ende feierlich gesegnet. Jeder Lagerteilnehmer konnte mit einer Filmdose etwas Salz für den Lagerbedarf schöpfen (Salz bei heißem Wetter, Salzlösung für Wundbehandlung – wurde tatsächlich gemacht!! Auch: Nachwürzen von etwas fadem Essen).

LICHT DER WELT

Etwas weiter abseits des großen Zeltplates, in einer Lichtung des Fryland Woods fanden wir zufällig einen passenden Ort für den zweiten Wortgottesdienst, der im Gegensatz zu dem strukturierten und actionreichen Gottesdienst zuvor (lebendes Salzkristall, s.o.) eher meditativ-ruhig und entspannt sein sollte. Zudem fand dieser Gottesdienst am Vorabend des 1. August statt, dem weltweiten Tag zur Versprechenserneuerung und 100ten Geburstag der Pfadfinderbewegung.

Die zufällig gefundenene Lichtung wurde dominiert von einem schweren Eichenbaum, der aus vier auf knapp 1m Höhe zusammengewachsenen Eichen besteht. In etwa drei Meter Höhe wurde in diese Eiche das Erdkreuz vom Lagerplatz mit Seilen eingehängt. In der Schale, die die vier einzelnen Stämme an der Basis (also an dem Punkt, an dem sie 1m über dem Boden zusammengewachsen sind) zusammentreffen wurden zahlreiche Kerzen gestellt, die von außen so nicht sichtbar sind. So wurden die weißen Kreuzbalken von unten mit natürlichem Kerzenlicht angestrahlt.

Der Platz wurde ringsum mit weiteren Kerzenstelen umfasst, so dass hier eine „Kathedrale für eine Nacht“ entstand. Zwei Feuerschalen bildeten hier den Mittelpunkt der Versammlung, das schwebende Kreuz in der Eiche gestaltete sich wie eine Vierung in einem Dom. Zu Beginn der Feier wurde das Feuer in den Feuerschalen gesegnet. Jeder Pfadfinder erhielt ein kleine Kerze und konnte diese Kerze am Feuer entzünden. Einzelne Textfragmente zum „Licht der Welt“ aus der Bibel mit wechselnden Gesängen deuteten das Licht als vielfältige spirituelle Kraft zum Leben, die Jesus Christus ist. Damit wurde die Perspektive auf die bevorstehende weltweite Versprechenserneuerung, die am darauffolgenden Morgen stattfinden sollte, geweitet

Mit den selbst formulierten Fürbitten klang der Gottesdienst aus – in der Freiheit, noch sitzen zu bleiben und den Gitarrenklängen zu lauschen oder zu gehen. Ein offenes Ende, um den Bezug zur morgendlichen Sunrise-Ceremony zu verdeutlichen.

Ohne Absprache stellten die Pfadfinder, die nach und nach den Ort wieder Richtung Zeltplatz verließen, ihre brennenden Lichter am Wegrand auf, um den nachfolgenden Pfadfindern den Weg zu markieren.

Ein älterer Pfadfinder war begeistert von der Kreuzkonstruktion, die für ihn von Tod und Auferstehung Jesu sprechen: Das mit Leinen verhüllte Kreuz in der Erde und das aufsteigende Kreuz im Eichenbaum in der Waldlichtung – von der Hitze der Kerzen und des Feuers aufsteigend „wie ein Fesselballon.“

Closing Ceremony

Am Tag der Abreise bestand die Morgenrunde schlicht und einfach darin, dass die beiden kleinsten Teilnehmer das Ewige Lagerlicht (das in der letzten Nacht nicht mehr am angestammten Platz hing, sondern auf einer Holzplatte auf der Anhöhe stand) vor und für alle(n) PFadfindern ausbliesen.

Literatur

Gotthard Fermor/ Gerhard K. Schäfer/ Harald Schroeter-Wittke/ Susanne Wolf-Withöft (Hg.): Gottesdienst-Orte. Handbuch Liturgische Topologie. Günter Ruddat zum 60. Geburtstag (Beiträge zu Liturgie und Spiritualität, Band 17), Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2007, 416 S., 38 EUR, ISBN: 978-3-374-02478-0

Gottesdienste werden wesentlich durch den Raum geprägt, in dem sie gefeiert werden. Weil Räume im Protestantismus allein durch den gottesdienstlichen Gebrauch geheiligt werden, gibt es kaum Orte, an denen nicht Gottesdienst gefeiert würde. Das Handbuch Liturgische Topologie stellt von Akademie bis Zoo die Vielfalt solcher Gottesdienstorte vor. Dabei werden Naturorte, Kirchen, öffentliche Räume und Medien
so auf ihre kulturellen Implikationen, theologischen Traditionen und liturgischen Gestaltungen hin befragt, dass sie zu einer lebendigen Liturgie als Gottesdienst im Sonn- und Alltag der Welt anregen.

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